7.5.2026

WIR SUCHEN IMPACT-UNICORNS

SPRIND Innovationsmanagerin Zarah Bruhn über die neue SPRIND.Society

Eine Zusammenfassung des Gesprächs ist zuerst bei Table.Briefings (Research.Table) erschienen.

Mit der SPRIND.Society will Zarah Bruhn soziale Innovationen auf eine Stufe mit technologischen heben. Dadurch soll der Staat entlastet und die Gesellschaft gestärkt werden. Entscheidend sei bei sozialen Innovationen aber auch: die Rendite.

Die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND erweitert ihren Fokus: Mit der SPRIND.Society sollen künftig gezielt gesellschaftliche Innovationen gefördert werden. Die ersten Projekte laufen schon, aber der offizielle Startschuss ist in dieser Woche. Im exklusiven Vorab-Interview mit Table.Briefings erklärt die verantwortliche SPRIND Managerin Zarah Bruhn, warum es dabei nicht um Nettigkeit, sondern um harte volkswirtschaftliche Effekte geht.

Zarah Bruhn
Zarah Bruhn, Innovationsmanagerin bei der SPRIND

FRAU BRUHN, DIE SPRIND STEHT BISLANG VOR ALLEM FÜR TECHNOLOGISCHE DURCHBRÜCHE. WAS GENAU VERÄNDERT SICH MIT DEM NEUEN BEREICH SPRIND.SOCIETY?

Wir erweitern den Innovationsbegriff. Bisher standen technologische Sprunginnovationen im Fokus – etwa in Bereichen wie Kernfusion, Alzheimerforschung oder CO₂-freier Zement. Jetzt kommt der gesellschaftliche Bereich dazu. Unser Ziel ist es, disruptive Innovationen zu finden, die den Staat um Milliarden entlasten und gleichzeitig das Leben von Millionen Menschen verbessern. Das betrifft Themen wie Bildung, Sozialstaat, digitale Teilhabe oder Demokratie. Wichtig ist: Wir denken soziale und technologische Innovationen zusammen. Gerade technologiegetriebene gesellschaftliche Lösungen haben enormes Potential, und genau da setzt die SPRIND.Society an.

DIE SPRIND TRÄGT DAS WORT SPRUNGINNOVATION IM NAMEN. WAS KANN MAN SICH UNTER EINER SOZIALEN SPRUNGINNOVATION VORSTELLEN?

Es geht nicht um philanthropisches Engagement, sondern um gesellschaftliche Rendite. Wir suchen Projekte mit echtem Skalierungspotential. Wir fragen also: Welche Innovation schafft einen messbaren Mehrwert für die Gesellschaft – etwa durch weniger Bürokratie, bessere Bildung oder effizientere staatliche Prozesse? Ein Beispiel ist eine KI-gestützte Bildungssoftware, die bereits in Schweden erfolgreich ist und den Lernerfolg im Mathematikunterricht deutlich steigert – besonders bei benachteiligten Schülerinnen und Schülern. Oder ein Projekt wie WeFix.Social, das den Sozialstaat benutzerfreundlicher macht, Leistungen verständlich aufbereitet und so massiv Bürokratie reduziert.

SIE SPRECHEN VON GESELLSCHAFTLICHER RENDITE. WIE MESSEN SIE DIE?

Wir orientieren uns an einer klaren Größenordnung: Unsere Projekte sollen das Potential haben, bis zu einer Milliarde Euro an gesellschaftlichem Mehrwert zu schaffen – sei es durch Einsparungen oder durch positive volkswirtschaftliche Effekte. Wir nennen das Impact-Unicorns, in Anlehnung an klassische Unicorn-Start-ups. Das bedeutet: Lösungen müssen skalierbar sein und reale Probleme im großen Stil lösen. Es reicht nicht, lokal gut zu funktionieren – der Anspruch ist, systemisch zu wirken.

IST DAS NICHT SCHWIERIGER ZU GREIFEN ALS BEI TECHNOLOGISCHEN INNOVATIONEN?

Ja, weil es dafür noch keine etablierte Definition gibt. Aber die Logik ist ähnlich: Auch Unternehmen werden regelmäßig durch Innovationen disruptiert. Im staatlichen oder gesellschaftlichen Bereich passiert das viel zu selten. Genau hier sehen wir unsere Rolle als Brückenbauer. Wir identifizieren gute Ideen, geben eine Startfinanzierung und helfen dabei, sie in bestehende Systeme zu integrieren – etwa durch Kooperationen mit Ministerien oder Behörden.

DIE SPRIND IST STAATLICH FINANZIERT UND GENIESST GLEICHZEITIG BESONDERE FREIHEITEN. WIE KANN MAN DIESE SONDERROLLE MIT BLICK AUF SOZIALE INNOVATIONEN NUTZEN?

Viele gute Lösungen scheitern nicht an der Idee, sondern am Markteintritt – besonders im Bildungs- oder Sozialbereich. Wir wollen diese Hürden überwinden. Als Teil einer Bundesagentur haben wir direkten Zugang zu Ministerien und können Innovationen gezielt platzieren. Gleichzeitig verstehen wir uns als Plattform für externe Ideen: Wir organisieren zudem Challenges, sprechen gezielt Start-ups an und mobilisieren die Innovationskraft außerhalb der öffentlichen Verwaltung.

SIE WOLLEN ALSO VOR ALLEM AUF EXTERNE IMPULSE SETZEN?

Absolut. Die besten Ideen für Innovationen kommen selten aus bereits bestehenden und etablierten Strukturen. Sie entstehen überall im Land – bei Start-ups, in der Zivilgesellschaft oder in der Forschung. Unsere Aufgabe ist es, diese Ideen zu finden, mit einer Finanzierung an den Start zu bringen und ihnen den Weg in die Praxis zu ebnen. Dazu gehört auch, erfolgreiche Modelle aus dem Ausland zu adaptieren. Im sozialen Bereich ist Kopieren ausdrücklich erwünscht – es gibt keine klassischen Konkurrenz- oder IP-Logiken. Wenn etwas woanders gut funktioniert, sollten wir es übernehmen.

KÖNNEN SIE EIN BEISPIEL AUS DEM AUSLAND NENNEN, DAS IN DEUTSCHLAND MÖGLICHST SCHNELL KOPIERT WERDEN SOLLTE?

Ein gutes Beispiel sind digitale Beteiligungsmodelle, wie es sie in Taiwan gibt. Dort ist es gelungen, durch innovative Partizipationsformate das Vertrauen in staatliche Institutionen massiv zu steigern. Mit unserer Initiative Deutschland, was nervt? Deutschland, was geht? wollen wir dieses nachgewiesenermaßen sehr erfolgreiche System hierherbringen und bekannt machen. Auch im Finanzierungsbereich schauen wir ins Ausland. In Großbritannien gibt es Modelle, bei denen staatliche Unterstützung direkt an den gesellschaftlichen Impact einer sozialen Sprunginnovationen gekoppelt ist – etwa daran, wie viele Menschen durch ein Projekt in Arbeit kommen. Das schafft neue Anreize und hat ein starkes Ökosystem hervorgebracht.

WELCHE THEMEN WOLLEN SIE GLEICH ZU BEGINN SONST NOCH ANGEHEN?

Bildung ist ein zentrales Feld – mit dem Anspruch, international zur Spitze zu gehören. Daneben beschäftigen wir uns intensiv mit dem Sozialstaat, Altersvorsorge, finanzieller Bildung und Staatsmodernisierung. Ein weiteres Beispiel ist der Bereich soziale Medien: Wir prüfen gerade ein Projekt, das an einem wettbewerbsfähigen Algorithmus arbeitet, der Polarisierung reduziert und stattdessen Verbindungen stärkt. Das wäre ein klassischer Moonshot – der im Erfolgsfall enorme positive gesellschaftliche Auswirkungen hätte.

NACH SOLCHEN LÖSUNGEN WIRD ABER AUCH IN DER KLASSISCHEN PROJEKTFÖRDERUNG GESUCHT. WAS UNTERSCHEIDET IHRE ARBEIT VON HERKÖMMLICHEN FÖRDERPROGRAMMEN?

Wir haben deutlich mehr Freiheit und können schneller agieren. Vor allem aber verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir liefern keine langfristige Finanzierung für Projekte, sondern denken immer in Meilensteinen und Systemen. Das heißt: Wir fragen nicht nur, ob eine Idee gut ist, sondern auch, wie sie in die Praxis kommt – und welche gesamtgesellschaftliche Wirkung sie entfaltet. Dafür nutzen wir verschiedene Instrumente, von ergebnisabhängiger Finanzierung bis hin zu strategischen Partnerschaften.

WIE GROSS IST IHR TEAM INNERHALB DER SPRIND – UND WIE SIND SIE AUSGESTATTET?

Wir sind aktuell ein kleines Team von vier Personen, bauen den Bereich aber weiter aus. Finanziell sind wir an das Budget der SPRIND gekoppelt – das heißt, wir stehen im Wettbewerb mit anderen Themen wie etwa der Kernfusion. Wir profitieren gleichzeitig von der Infrastruktur, den etablierten Finanzierungsinstrumenten und der Erfahrung der SPRIND.

WIE WICHTIG IST GUTE KOMMUNIKATION IN DEM BEREICH. GEHT ES NICHT AM ENDE AUCH DARUM, DIE DEMOKRATIE UND IHRE INSTITUTIONEN WIEDER ETWAS ATTRAKTIVER DARZUSTELLEN?

Wir wollen ein positives Verständnis von Technologie und Innovation fördern und gleichzeitig zeigen: Jeder kann Teil dieser Entwicklung sein. Es geht nicht mehr nur darum, Steuern zu zahlen und sich dann zu beschweren. Wir laden aktiv dazu ein, Ideen einzubringen und mitzugestalten. Gleichzeitig adressieren wir auch Staat und Verwaltung und machen deutlich: Es gibt da draußen clevere Lösungen – man muss sie aber auch nutzen. Und wenn am Ende die Demokratie und ihre Institutionen reputativen Aufschwung erfahren, dann ist das sicher ein willkommener Nebeneffekt.

WAS TREIBT SIE PERSÖNLICH AN UND WIEVIEL VON IHRER EIGENEN START-UP-ERFAHRUNG ABER AUCH DER ZEIT IM BILDUNGS- UND FORSCHUNGSMINISTERIUM STECKT IN DER SPRIND.SOCIETY?

Ich habe lange als Unternehmerin aber auch auf politischer Ebene gearbeitet und gesehen, wie schwierig es ist, ohne eigene Mittel Veränderungen umzusetzen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, wirklich etwas zu bewegen – mit Budget, mit starken Partnern und mit großer Freiheit. Mein Ziel war immer, Innovationen im großen Stil zu ermöglichen. Genau das können wir jetzt mit der SPRIND.Society tun.

WAS WÄRE IHR ZIEL FÜR DIE SPRIND.SOCIETY IN DEN KOMMENDEN JAHREN?

Dass wir zeigen können, was möglich ist. Deutschland hat enormes Innovationspotential – wir müssen es nur heben. Die klugen Köpfe sitzen überall im Land. Wenn wir es schaffen, diese Menschen zu mobilisieren und ihre Ideen umzusetzen, können wir unsere gesellschaftlichen Systeme deutlich verbessern. Und genau darum geht es: Innovationen für ein besseres Leben.

Zarah Bruhn ist Gründerin und CEO von socialbee, einem Unternehmen, das Geflüchteten und Migranten in langfristige Jobs vermittelt und Unternehmen bei Recruiting, Qualifikation und Integration unterstützt. 2022 wurde sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Beauftragten für Soziale Innovationen berufen. Seit 2025 arbeitet sie auch für die Bundesagentur für Sprunginnovationen.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Podcasts

#110 Zarah Bruhn (8.9.2025)

34:17

Was sind soziale Innovationen? Wie lässt sich ihre Wirkung messen? Und wie kann Deutschland in fünf Jahren zehn Social Unicorns hervorbringen? Unser Host Thomas spricht heute mit: Zarah Bruhn, Günderin von Social Bee und Innovationsmanagerin für soziale Innovationen bei SPRIND.

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